Verwirrt und immer dafür oder dagegen geht die ganze Welt in die Irre. Jeder leidet an diesem Komplex. Aber ich bin neutral, ich sehe beide Seiten.

Ich verdamme das Wahre und erzwinge etwas Verlogenes, einfach weil ich nur mit einem verlogenen Verhalten in einer verlogenen Gesellschaft weiterkomme; weil es bequem ist, unecht zu sein inmitten einer Masse unechter Leute. Ehrlich zu sein ist keine bequeme Lösung. Ein aufrichtiges, unverdorbenes Kind käme in ernste Schwierigkeiten mit der Gesellschaft, da diese nun einmal durch und durch verlogen ist.
Und hier stoße ich auf einen Teufelskreis: Ich werde zwangsläufig in eine Gesellschaft hineingeboren und bis heute hat es noch keine Gesellschaft in dieser Welt gegeben, die nicht verlogen gewesen wäre. Es ist destruktiv, wie verhext. Jedes Kind wird in eine Gesellschaft hineingeboren, die sofort mit ihren feststehenden Verhaltensregeln, Moralvorstellungen und Benimmkatechismen über das Neugeborene herfällt, um sie ihm überzustülpen.
Im Zuge des Erwachsenwerdens wird es zum Heuchler und setzt dann Kinder in die Welt, denen es das gleiche verlogene Verhalten beibringt — und so geht es endlos weiter.
Was soll man da machen?
Die Gesellschaft kann ich nicht ändern. Wenn ich damit anfange, werde ich zum Zeitpunkt ihrer Veränderung nicht mehr am Leben sein, weil das ein so gigantisches Unterfangen ist, daß es eine Ewigkeit dauern würde.
Was soll ich also machen? Ich kann und muß mir dieser inneren Spaltung, der Tatsache, daß etwas Unechtes über mein unterdrücktes wahres Wesen gestülpt wurde, bewußt werden. Diese Spaltung ist die Hölle; ich leide, weil das Unechte mich nie befriedigen kann, weil dadurch auch nur unechte Befriedigung möglich ist. Das liegt in der Natur der Dinge. Nur das Echte kann zur echten Zufriedenheit führen.
Nur wenn ich real bin, kann ich in der Realität leben; nur wenn ich wahr bin, kann ich die Wahrheit erkennen. Wenn ich unecht bin, kann ich mich nur immer mehr in Halluzinationen, Illusionen und Träume verstricken. Mit Hilfe dieser Träume kann ich mir zwar selbst etwas vormachen, aber nie wirklich zufrieden sein.
Zum Beispiel kann ich träumen, daß ich Durst habe und Wasser trinke — eine bequeme Lösung, wenn ich weiterschlafen will. Aber da es nur ein Traum ist und ich meinen Durst nicht gelöscht habe, werde ich irgendwann doch aufwachen müssen. Mein Durst ist tatsächlich vorhanden und stört meinen Schlaf so lange, bis ich aufwache. Träume vermitteln mir das falsche Gefühl, daß ich meinen Durst gelöscht habe. Aber das geträumte Wasser ist kein echtes Wasser und der Durst bleibt weiterhin vorhanden, wenn auch unterdrückt.
Und so ist es nicht nur nachts im Schlaf, sondern in allen Bereichen meines Lebens. Mit Hilfe meiner unechten Persönlichkeit, meines Charakters, der nur eine aufgesetzte Maske ist, will ich an die Dinge herankommen, die ich mir ersehne… Bekomme ich nicht, was ich will, bin ich unglücklich. Bekomme ich, was ich will, bin ich ebenfalls unglücklich. Und ich bin weniger unglücklich, wenn ich nicht erreiche, was ich will! Wenn ich mein Ziel erreiche, werde ich in noch tieferes Unglück gestürzt.
Ich will meine Ziele im Grunde gar nicht erreichen, weil ich unbewußt schon ahne, daß ich dann endgültig frustriert sein werde. Ich lebe in ständigen Hoffnungen, denn so lange ich noch hoffen kann, kann ich so weitermachen wie bisher, also meine unechte Persönlichkeit aufrecht erhalten. Dabei spielt die Hoffnung die entscheidende Rolle. Ich will meine Ziele gar nicht erreichen, weil ich nie von der Erkenntnis überrascht werden will, daß sie von Anfang an unecht waren.
Ein armer Mann, der reich werden will, hat mehr Freude an der Plackerei als an der Erfüllung seines Wunsches, denn solange er sich abmüht, kann er noch hoffen. Ja, mit dieser Persönlichkeitsmaske ist Hoffnung tatsächlich das einzige Glück auf Erden. Erreicht der arme Mann sein Ziel und wird reich, verliert er alle Hoffnung. Dann kann er sich nur noch frustriert fühlen, denn er ist reich geworden, aber dennoch absolut unzufrieden. Er hat sein Ziel erreicht, aber nichts ist dabei herausgekommen und nun ist alle Hoffnung dahin. Deshalb ist eine Gesellschaft, die es nach langen Mühen zu Wohlstand und Überfluß gebracht hat, zutiefst deprimiert.

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